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Angehörige erzählen ...

Was pflegende Angehörige tagtäglich leisten und mit welchen Problemen und Schwierigkeiten sie konfrontiert werden, bleibt meist im Verborgenen. Wir wollen ihre Geschichten sichtbar machen und erzählen was sie bewegt.

Ich habe große Sorge vor einem neuen Lockdown

Prof. Dr. Angela Rinn hat eine demenziell erkrankte Mutter

Meine Mutter hat Demenz. Bis zu seinem Tod hat mein Vater sie treu und aufopfernd gepflegt. Nach seinem plötzlichen Tod waren wir sehr froh, dass wir ein modernes und auf Demenzkranke spezialisiertes Altersheim finden konnten, das zudem aus einem christlichen Geist heraus geleitet wird. Meine Mutter ist zunächst dort auch aufgeblüht. Als ein von Grund auf freundlicher Mensch fand sie viel Resonanz unter Pflegenden und Mitbewohnern, alte Freundinnen und wir besuchten sie regelmäßig. Sie war in den ihr gegebenen Grenzen selbständig und entschied selbst, dass sie lieber mit den Mitbewohnern im Wohnzimmer als allein auf ihrem Zimmer sein wollte. Niemand schränkte sie ein.

Am 13. März teilte mir die Hausleitung mit, dass ich mit meiner Mutter nur mit einem Sicherheitsabstand von 1,50 m Kontakt haben dürfe. Mir war klar, dass sie dies nicht verstehen konnte. Sie ist ein Mensch, der sehr auf körperlichen Kontakt reagiert. Wie hätte ich ihr begreiflich machen können, dass ich sie nicht umarme oder küsse? Ich wagte es aber auch nicht, die Anweisung zu übertreten. Ich wollte weder meine Mutter noch ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gefährden.

So winkte ich ihr traurig zu und fuhr nach Hause – nicht wissend, dass dies ein Abschied für Monate sein sollte. Der Lockdown verhinderte kurz darauf jede Begegnung.

Für viele Wochen blieb uns nur ein Kontakt per Telefon. Wir haben meiner Mutter am Telefon Lieder vorgesungen, manchmal hörten wir sie leise mitsingen. Die Alltagsbegleiterinnen und Alltagsbegleiter im Heim berichteten am Telefon, dass meine Mutter abbaue. Wir sorgten uns um sie und fragten uns, was passieren würde, wenn sie krank werden oder gar im Sterben liegen sollte. Auf keinen Fall wollte ich meine Mutter einsam sterben lassen – eine Pflege, gar einer Corona-Patientin, hätte ich jedoch nicht zuhause leisten können.

Im Juni organisierte das Heim die Möglichkeit, per Videotelefonat mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Kontakt zu haben.

Ich habe geweint, als ich meine Mutter zum ersten Mal wieder sehen konnte: Ein hilfloser Mensch saß vor dem Laptop, sie wusste gar nicht, wohin sie schauen sollte, war verwirrt von der Technik. Die Alltagsbegleiterin zeigte ihr den Bildschirm mit uns, sie begriff nichts. Meine Eltern waren sehr aufgeschlossene und aktive Menschen gewesen, aber das Medium Internet war ihnen bedauerlicherweise fremd geblieben. Es war für meine Mutter tatsächlich einfacher, mit mir zu telefonieren, als mich am Bildschirm zu erkennen. Trotzdem haben wir die Möglichkeit des Videotelefonats regelmäßig genutzt, weil wir uns so immerhin auf diesem Wege mit eigenen Augen vergewissern konnten, dass meine Mutter gepflegt aussieht und es ihr – den Umständen entsprechend – gut geht. Uns blieb aber nicht verborgen, dass sich der eingeschränkte Kontakt in der Corona-Zeit gerächt hatte. Meine Mutter war still, reagierte kaum, saß im Rollstuhl.

Meine Schwester kontaktierte den Arzt, der eine Physiotherapie verschrieb. Das wirkte sich positiv aus, wahrscheinlich auch, weil meine Mutter wieder körperlich Kontakt aufnehmen konnte. Abgesehen von der Pflege ihres Körpers war es den Begleitenden und Pflegenden aus Sicherheitsgründen nicht gestattet, die Bewohner zu berühren oder gar in den Arm zu nehmen.

Die Monate des Lockdowns waren für uns alle nur schwer zu ertragen. Ich habe darunter gelitten, dass meine Mutter, die wesentlich nicht mehr über ihren Geist, sondern über körperliche Kontakte mit ihrer Umgebung verbunden ist, vereinsamte. Das erste Wiedersehen nach dem Lockdown hat mich dann tatsächlich überwältigt. Ich sollte sie nicht umarmen, durfte sie aber immerhin am Arm geleiten und mit ihr spazieren gehen. Als ich geweint habe, versuchte meine Mutter, mich zu trösten. Mir kommen immer noch die Tränen, wenn ich daran denke.

Ich habe großes Verständnis für die schwierige Situation, in der sich das Heim befand und habe gesehen, dass alle sich große Mühe gaben, diese völlig unbekannte Situation zu meistern. Manche Maßnahmen fand ich inkonsequent, habe sie aber nicht in Frage gestellt, weil ich gesehen habe, dass niemand tatsächlich die Folgen ermessen und beurteilen kann. Ich wollte auch nicht dafür verantwortlich sein, dass im Heim meiner Mutter Corona ausbricht, was Gott sei Dank bislang nicht der Fall war.

Wir sind nun sehr froh, dass wir sie wieder besuchen können. Wenn auch nur einzeln und nach vorheriger Anmeldung. Es mutet schon merkwürdig an, dass ich Besuche bei meiner Mutter anmelden muss – sie lebt ja nicht im Gefängnis. Doch ist es einleuchtend, dass sie von den Begleitenden vorbereitet werden muss und das Heim Kontakte nachverfolgen können muss.

Tatsächlich glaube ich, dass Menschen mit Demenz zu denen gehören, die von der Pandemie am schlimmsten betroffen sind. Denn – wie kleinen Kindern – ist es ihnen nicht möglich, rational zu begreifen, was ihnen geschieht, wenn sie nicht mehr umarmt und liebkost werden. Ihre Kommunikation mit der Welt geschieht wesentlich durch sinnliche Wahrnehmungen, in ihrem „Leibgedächtnis“ ist ihre Lebensgeschichte gespeichert. Deshalb kann meine Mutter ja auch Lieder mitsingen (und beweist da große Textsicherheit!), obwohl sie sich kaum noch mit uns unterhalten kann. Musik erleben Menschen körperlich! Selber singen – am besten mit anderen zusammen – ist das intensivste „Embodiment“. Die Pandemie hat meiner Mutter den Kontakt zu ihrer Lebensgeschichte verweigert. Das war mir sehr klar und das hat weh getan, weil ich nichts dagegen tun konnte.

Inzwischen hat meine Mutter sogar ihren Humor wiedergefunden und scherzt mit uns. Humor ist tatsächlich bis zu einem gewissen Grad Demenz-resistent. Ihre Freundinnen können sie wieder besuchen. Es geht ihr wieder besser.

Ich habe große Sorgen vor einem neuen Lockdown.