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STUDIE Pflegende Angehörige in der COVID 19 Krise Ergebnisse einer bundesweiten Befragung

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Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat eine erste Studie zu den Corona-Folgen für Pflegende Angehörige herausgebracht.

Zum Ziel und zur Methodik

  • Gemeinsames Forschungsprojekt gemeinsamen Forschungsprojekts des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
  • Ziel der Studie war es, Herausforderungen für pflegende Angehörige im Zuge der COVID‐19‐Pandemie im Frühjahr 2020 in Deutschland zu beschreiben.
  • Die Online‐Befragung wurde vom 21.April bis zum 2. Mai 2020 durchgeführt; in dieser Zeit waren die seit Ende März 2020 geltenden Kontaktbeschränkungen noch in allen Bundesländern gültig.
  • Hierfür wurden Personen im Alter zwischen 40 und 85 Jahren befragt, die mindestens eine über 60‐jährige pflegebedürftige Person mindestens einmal pro Woche im privaten Umfeld (mit‐)versorgt. Die Stichprobengröße lag bei 1.000 Personen.
  • Die Studie gilt nicht als repräsentativ.

Ergebnisse der Studie

Allgemein

  • Die Corona-Pandemie belastet auch die häusliche Pflege. Rund ein Drittel der pflegenden Angehörigen erlebt eine Verschlechterung der Pflegesituation. 24 Prozent sind besorgt, die Pflege in Corona-Zeiten nicht mehr zu schaffen. Besonders schwierig ist die Situation für Angehörige von Menschen mit Demenz. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird noch herausfordernder.
  • Sie waren schon vor der Pandemie physisch und vor allem psychisch teilweise stark belastet.
  • Demnach berichten 32 Prozent der Befragten, die Pflegesituation habe sich angesichts der Pandemie verschlechtert. Dass sie diese Situation mehr oder weniger überfordert, sagt ein Viertel. 24 Prozent sind besorgt, die häusliche Pflege nicht mehr zu schaffen. Dabei haben Gefühle der Hilflosigkeit in der Pflegesituation bei 29 Prozent der Angehörigen zugenommen. Eine Steigerung belastender Konflikte mit der pflegebedürftigen Person geben 24 Prozent an. In Bezug auf Verzweiflungsgefühle sagen 22 Prozent, diese seien mehr geworden. Ein Fünftel berichtet, Wut und Ärger in der Pflegesituation seien gewachsen.
  • In der Gemengelage von Infektionsrisiken, Kontaktbeschränkungen und damit verbundenen Unterstützungsverlusten sowie ökonomischer Unsicherheit liegt zusätzliches Überlastungspotenzial“,

Angehörige von Menschen mit Demenz

  • Angehörige von Menschen mit Demenz spüren Auswirkungen der Krise im Pflegekontext noch häufiger. Von ihnen nehmen 41 Prozent die Pflegesituation als zugespitzt war.
  • Eine Überforderung damit gibt hier über ein Drittel an; in Sorge, die häusliche Pflege in Folge der Entwicklungen durch das neue Corona-Virus nicht mehr zu schaffen, sind sogar 35 Prozent. Auch andere belastende Gefühle oder Konflikte haben deutlicher zugenommen als bei pflegenden Angehörigen ohne direkten Demenzbezug. So liegt etwa der Wert für Gefühle der Verzweiflung 14 Prozentpunkte oder der Hilflosigkeit 13 Prozentpunkte höher. In Bezug auf Wut und Ärger in der Pflegesituation liegt die Differenz zwischen beiden Gruppen bei 10 Prozentpunkten – bei belastenden Konflikten noch bei 8 Prozentpunkten. 
  • Angehörige, die einen Menschen mit Demenz versorgen, sind in der Corona-Situation potenziell besonders belastet. Denn für Menschen mit Demenz ist es unter anderem wichtig, dass ihre gewohnten Routinen erhalten bleiben. Veränderungen und Stress, die nun gerade vermehrt auftreten, wirken sich nachteilig aus. Auch haben die Betroffenen teilweise erheblichen Bewegungsdrang und verstehen die Pandemie-Regeln oft nicht. Mit den daraus resultierenden Problemen sind pflegende Angehörige jetzt zusätzlich konfrontiert.

Pandemiebedingt findet weniger Unterstützung in der häuslichen Pflege statt.

  • Laut Befragung sehen sich 40 Prozent der pflegenden Angehörigen insgesamt dadurch Mehrbelastungen ausgesetzt, dass Dienstleistungen und Hilfestrukturen im nahen Wohnumfeld wegfallen. Tagespflegeeinrichtungen konnten in 81 Prozent der Fälle nicht mehr genutzt werden.  Rund zwei Drittel sagen, die Unterstützung durch Dienstleister wie z.B. die Fußpflege (65 Prozent) habe abgenommen oder aufgehört. Vielfach wurde zudem berichtet, dass die Unterstützung durch Nachbarn (43 Prozent), Freunde und Familienmitglieder (32 Prozent) oder den Hausarzt (30 Prozent) abgenommen oder aufgehört habe. Ein Fünftel gibt an, dass ein ambulanter Pflegedienst seltener oder gar nicht mehr genutzt worden ist.
  • Gründe für dieses schrumpfende Netzwerk bestehen unter anderem darin, dass die Unterstützer infolge der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionswelle ihre Hilfe reduzieren oder ganz einstellen – aber auch darin, dass Angebote zum Beispiel aus Infektionsschutzmotiven nicht mehr in Anspruch genommen werden.

Herausforderung in der Umsetzung der zahlreichen Empfehlungen zum Infektionsschutz

  • Auf Händehygiene zu achten, sich über aktuelle Hinweise zur Corona-Situation zu informieren oder den direkten Kontakt mit anderen Menschen außerhalb des eigenen Haushalts weitgehend zu vermeiden, gelingt den weitaus meisten befragten Angehörigen nach ihrer Selbsteinschätzung gut oder sehr gut.
  • Als schwieriger empfinden sie es aber, herzlichen Körperkontakt wie Umarmungen zu vermeiden, der pflegebedürftigen Person die besondere Situation zu erklären oder sie zu beruhigen. Deutlich über ein Drittel der Befragten gibt an, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zum Beispiel bei der Körperpflege könnten sie eher oder gar nicht gut umsetzen. 44 Prozent haben Probleme damit, sich selbst nicht ins Gesicht zu fassen.
  • Die Möglichkeit für pflegende Angehörige, die nicht im selben Haushalt wohnen, die Kontakte zur pflegebedürftigen Person stärker auf das Telefon oder Videoübertragungen zu verlagern, funktioniert für 21 Prozent der Befragten eher nicht gut, für 23 Prozent gar nicht gut – aber für etwa die Hälfte eher oder sogar sehr gut. 

Situation erwerbstätiger pflegender Angehöriger

  • 45 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe geben an, dass die Pandemie-Situation die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für sie noch schwieriger gemacht hat.
  • Wird dabei ein Mensch mit Demenz versorgt, sagen dies sogar 56 Prozent.
  • Zum Zeitpunkt der Befragung arbeiteten insgesamt 28 Prozent der erwerbstätigen pflegenden Angehörigen mehr als sonst oder ausschließlich im Home-Office.
  • Über die Hälfte ist mindestens etwas in Sorge, das neue Virus vom Arbeitsplatz nach Hause zu bringen und dort die pflegebedürftige Person anzustecken.
  • Zugleich berichten berufstätige Angehörige teilweise auch von zusätzlicher ökonomischer Unsicherheit: 13 Prozent sagen, dass sie wegen der Corona-Situation stark oder sehr starke Sorge um ihre berufliche Zukunft haben. In der Einkommensgruppe mit einem monatlichen Bruttoeinkommen unter 2.000 Euro sagen dies sogar 20 Prozent.

Schlussfolgerungen

„A) Psychosoziale Belastungen pflegender Angehöriger

  • Trotz zum Teil erheblicher Mehrfachbelastungen durch die Kombination aus Pflegesituation und Einschränkungen verbunden mit der Corona‐Pandemie, leisten pflegende Angehörige täglich systemrelevante Pflege, denn das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem basiert zu einem großen Teil auf dieser familialen Unterstützung. Diese Leistung der pflegenden Angehörigen für die Gesellschaft muss entsprechend gewürdigt und wirksam gestützt werden.
  • Um psychosoziale Belastungen pflegender Angehöriger zu vermeiden bzw. zu reduzieren, bedarf es des Ausbaus von Unterstützungsstrukturen, sowohl für pflegerische Leistungen als auch für die mentale Gesundheit der Angehörigen. Bestehende psychosoziale Versorgungsangebote sollten durch alle Einrichtungen, die Kontakt zu pflegenden Angehörigen haben (z.B. Pflegestützpunkte, Hausärzte, Pflegedienste) weiterhin bekannt gemacht werden.
  • Menschen, die pflegebedürftige Angehörige mit Demenz betreuen – das zeigt die Befragung – stehen durch die COVID‐19‐Pandemie oft vorbesonderen Herausforderungen. Unterstützungs- und Entlastungsangebote, die dieser Angehörigengruppe gerecht werden, sind daher besonders relevant und sollten möglichst krisensicher verfügbarsein.
  • Die Befragten berichten eine Zunahme von Konflikten in der häuslichen Pflegesituation sowie Gefühle von Wut und Verzweiflung. Dies kann zu Aggression und Gewalt in der Pflege beitragen. Deshalb sind Angebote zur Gewaltprävention im Kontext der häuslichen Pflege wichtig.“ (Seite 25)

B) Pflege- und Unterstützungssituation

  • „Es wurde eine Verschlechterung der häuslichen Pflegesituation im Kontext der SARS‐CoV‐2‐Pandemie berichtet, wobei Hauptpflegepersonen besondere Lasttragen. Unter anderem der Wegfall von kurzfristig zu aktivierender nachbarschaftlicher Unterstützung erscheint relevant. Mehrbelastungen durch wegfallende Dienstleistungen und Hilfestrukturen im Wohnumfeld wurden vielfach berichtet.
  • Um solche zukünftig im Wohnumfeld für pflegebedürftige Menschen und pflegende Angehörige aufrecht zu erhalten, wird empfohlen, ambulante Dienste und andere Anbieter dabei zu unterstützen, eine Versorgung im Krisenfallbesser und gesundheitlich möglichst sicher aufrechterhalten zu können.
  • Dazu ist auch der Gesundheitsschutz von Mitarbeiten und Klienten zu verbessern, zum Beispiel durch genügend Hygienematerial, angemessene Testkapazitäten und regelmäßige Hygieneschulungen für Beschäftigte in Pflegeorganisationen.
  • Telemedizinische Angebote können einen Beitrag dazu leisten zum Beispiel den Kontakt zum Hausarzt für pflegebedürftige Menschen sowie für pflegende Angehörige aufrecht zu erhalten. Dennoch wurden gerade im Bereich Telefonie/Videotelefonie auch Hürden berichtet, was die Notwendigkeit eines zielgruppenspezifischen Ausbaus auch bei telemedizinischer oder telepflegerischer Infrastruktur im weiteren Sinne nahelegt. Dabei sind Risiken sozialer Ungleichheit und die Altersstruktur der Betroffenen zu bedenken, die die gegenwärtigen Grenzen digitaler Lösungen im Bereich häuslicher Pflege und Kommunikation erkennen lassen.
  • Die Verfügbarkeit verlässlicher und verständlicher Informationen rund um das Thema Corona wurde von den befragten pflegenden Angehörigen positiv bewertet. Daher wird empfohlen, die Maßnahmen zur Verbreitung von Informationen unter anderem durch die Bundes‐ und Landesregierungen auf Basis der bisherigen Strategie weiter fort zu führen und in Hinblick auf die Nutzungspräferenzen differenzierter Zielgruppen sowie die Auffindbarkeit gesicherter und verständlicher Informationen auch speziell für pflegende Angehörige weiterzuentwickeln.
  • Dies kann unter anderem die Umsetzung von Hygienemaßnahmen in der häuslichen Pflege sowie eine Nutzung von verfügbaren Gesundheitsdienstleistungen und Unterstützungsangeboten fördern.“ (Seite 26)

Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

  • Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist ein zentrales gesellschaftliches Ziel in Deutschland. Dieses Ziel darf auch in Krisenzeiten nicht aus dem Auge verloren werden. Wenn erwerbstätige pflegende Angehörige produktiv arbeiten, sich gleichzeitig aber stärker um die pflegebedürftige Person kümmern müssen, weil zum Beispiel die Tagespflege geschlossen hat und sie vielleicht noch zusätzlich ihre Kinder unterrichten sollen, dann übersteigt das irgendwann die Grenzen des Leistbaren und ist gefährlich.
  • Dort wo noch nicht geschehen, sollten Möglichkeiten der flexiblen Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen zwischen Arbeitgeber und pflegenden Angehörigen ausgelotet werden.
  • Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist für die Angehörigen von Menschen mit Demenz schwieriger als für die pflegenden Angehörigen allgemein. Für diese Pflegearrangements sollte deshalb dafür gesorgt werden, pflegerischer Dienstleistungen und Hilfestrukturen möglichst weitgehend und sicher nutzbar zu halten. (vgl. S. 26)

Auch wenn die Datenerhebung  bereits überwiegend Ende April stattgefunden hat und dies die Situation zum damaligen Zeitraum widerspiegelt, werden in den Schlussfolgerungen dennoch wichtige Punkte aufgeführt, die sicherlich auch bei einer Fortsetzung der Pandemie von Bedeutung sind und genauer betrachtet werden sollten.

 

Anbei die Pressemeldung des ZQP und die Studie.