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Der Mensch als Einzelfall – Seniorenheime im Spagat zwischen Fürsorge und Freiheit

Ein Interview

Im Interview: Susanne Hesel, Leiterin der Anni-Emmerling-Haus gGmbH in Offenbach des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach, und Christa Hofmann-Bremer, Geschäftsführerin und Leiterin der Altenhilfezentrum Johannesstift und Seniorenzentrum Linden gGmbH in Gießen.

Als Leitung tragen Sie Verantwortung für die Menschen, die in Ihren Häusern leben und arbeiten. Können Sie noch ruhig schlafen?

Susanne Hesel: Mal mehr, mal weniger ruhig, da die steigenden Infektionszahlen ein stetiges Reagieren mit immer wieder neu angepassten Schutzmaßnahmen erfordern. Es gibt konkrete Vorgaben durch die Behörden, und mit dem starken Anstieg des regionalen Infektionsgeschehens mussten wieder Einschränkungen bei den Besuchen umgesetzt werden. Entscheidend sind nun zusätzlich unsere eigenen Schutzkonzepte und Hygienepläne.

Christa Hofmann-Bremer: Dass die Verantwortung jetzt in unseren eigenen Händen liegt, lässt sie mich leichter tragen. Bei den bundesweiten gesetzlichen Vorgaben im Frühjahr war das anders: Mit der damals verfügten Abschottung unserer Einrichtung erging es mir sehr schlecht. Jetzt aber haben wir einen eigenen Handlungsspielraum, mit dem wir selbst agieren können. Wir haben außerdem Routine im Umgang mit der Pandemie entwickelt und erlebt, dass unsere bisherige Vorgehensweise den Menschen größtmöglichen Schutz bietet.

Wie sehen Ihre derzeitigen Schutzkonzepte aus?

Christa Hofmann-Bremer: Im Altenhilfezentrum Johannesstift leben 207 Menschen in fünf Wohneinheiten, im Seniorenzentrum Linden sind es 105 Menschen in drei Wohneinheiten. Derzeit können jede Bewohnerin und jeder Bewohner an zwei Tagen in der Woche zwischen 14.30 und 17.00 Uhr in ihren Zimmern besucht werden. Das sind dann 20 bis 30 beziehungsweise 15 bis 20 Gäste pro Tag, die wir an den Türen empfangen, an die wir Masken verteilen, die wir zu Kontakten und Symptomen abfragen und auf das Desinfizieren der Hände hinweisen. Die Besuche sind dann in den Zimmern möglich.

Susanne Hesel: Unter denselben Maßnahmen waren auch bei uns im September die Besuche bei den 80 Bewohnerinnen und Bewohnern möglich. Da sich unser Schutzkonzept an der aktuellen Infektionslage ausrichtet und wir die derzeitige Lage in Offenbach jetzt Ende Oktober mit einer Inzidenz von über 200 mit großer Sorge betrachten, lassen wir momentan keine Gäste im Haus zu. Als Ausnahme können jedoch Menschen besucht werden, die bettlägerig sind oder sich im Sterbeprozess befinden. Zutritt haben zudem Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie Therapeutinnen und Therapeuten.

Alle Seniorinnen und Senioren können von ihren Angehörigen abgeholt werden – alles andere wäre Freiheitsberaubung. Wir müssen dabei darauf vertrauen, dass sich die Angehörigen verantwortungsbewusst verhalten, wenn sie jemanden nach Hause oder zu einem Spaziergang mitnehmen. Auch Besuche in der Cafeteria, die zum Besuchsraum umgestaltet worden ist, sind möglich.

Wie reagieren die Angehörigen auf Ihre Vorgaben?

Susanne Hesel: Da gibt es zwei unterschiedliche Lager. Der Großteil der Angehörigen ist sehr zufrieden mit unserem Handeln und drückt seine Dankbarkeit darüber aus, dass die Menschen bei uns sicher aufgehoben sind. Andere wiederum sind unglücklich mit den Einschränkungen und drohen mit Klage.

Letztendlich stehen wir jedoch in der Verantwortung für unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Und falls es einen Ausbruch geben sollte, droht uns wiederum eine Klage wegen Fahrlässigkeit. Wir stehen daher in stetigem Austausch mit allen Angehörigen, sei es am Telefon oder per Mail. Und das führt letztendlich zu einem großen Einverständnis mit unseren Maßnahmen.

Christa Hofmann-Bremer: Die Kommunikation mit allen Beteiligten ist derzeit auch bei uns das A und O allen Handelns. Ich stelle mich auch selbst an den Empfang, um mit den Menschen zu reden und darauf zu hören, was derzeit ihre Nöte und Sorgen sind.

Können Sie auf individuelle Bedürfnisse eingehen?

Christa Hofmann-Bremer: Auf persönliche Bedürfnisse einzugehen, ist uns ein großes Anliegen. Wir untersagen daher keine Umarmungen, denn viele Bewohnerinnen und Bewohner brauchen den Körperkontakt.

Manche Angehörige sind sehr verzweifelt, vor allem dann, wenn sie einen schwer demenziell erkrankten Menschen bei uns wohnen haben. Ebenso leiden vor allem diese Bewohnerinnen und Bewohner oft sehr, wenn sie keinen regelmäßigen Kontakt zu ihrer Bezugsperson haben. Sie können das meist nicht verbal äußern, aber es macht sich in ihrem veränderten Verhalten bemerkbar. In solchen Fällen ermöglichen wir mit einer Einzelfallregelung eine Ausnahme bei der Besuchsmöglichkeit.

Susanne Hesel: Wir möchten die Rechte der Menschen nicht komplett einschränken und gehen daher auf ihre individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse ein. Wer bei uns einzieht, muss zum Beispiel bis zum zweiten negativen Corona-Test in seinem Zimmer bleiben, um nicht andere eventuell zu gefährden. Menschen mit einer demenziellen Erkrankung und einem großen Bewegungsdrang können das nicht leisten. Daher nehmen wir sie derzeit nicht auf, denn sie einzusperren, käme einer Isolationshaft gleich.

Viele ältere Menschen erklären, dass sie keine Einschränkungen möchten und dafür lieber das Sterben an Covid-19 in Kauf nehmen.

Hoffmann-Bremer: Tatsächlich sagen das auch einige unserer Bewohnerinnen und Bewohner. Dem widerspreche ich jedoch immer vehement. Denn in unseren beiden Häusern sind wir jeweils eine Solidargemeinschaft, in der es nicht alleine um den einzelnen Menschen geht. Daher motivieren wir zum Zusammenhalt, indem wir unter anderem drei Mal in der Woche über die Lautsprecheranlage gemeinsam und füreinander beten.

Susanne Hesel: Auch wir bekommen die Aussage „Dann sterbe ich eben“ zu hören. In unserem Haus ist eine Infektion jedoch keine Privatsache, denn es geht eben auch um die Gesundheit der 79 anderen Mitbewohnerinnen und -bewohner und den Schutz unserer Mitarbeitenden.

Wie geht es Ihren Mitarbeitenden in dieser Pandemie?

Susanne Hesel: Für siestellt diederzeitige Situation eine enorme Belastung dar. Ihre größte Sorge ist, dass sie unbemerkt eine Infektion ins Haus bringen könnten und damit die Erkrankung oder gar den Tod der von ihnen betreuten Menschen verursachen. Denn das ist das Fatale an diesem Virus: Es kann ohne eigene Symptome weitergegeben werden.

Diese Ängste werden daher immer wieder im Team besprochen. Ebenso wie die Belastung durch das Tragen der FFP2-Masken bei schwerer körperlicher Arbeit oder bei der Hitze im vergangenen Sommer. Aber natürlich schützt das Tragen der Masken die Pflegebedürftigen ebenso wie das stetige Desinfizieren der Hände.

Die Menschen zu schützen ist unseren Mitarbeitenden sehr wichtig. So haben wir zum Beispiel einen vor Jahren erstellten Pandemieplan, der sogar den völligen Einschluss des Hauses und das Einziehen der Mitarbeitenden mit ihren Familien vorsieht. Das ist natürlich bei der Dauer dieser Pandemie nicht zu leisten, doch viele Angestellte äußerten bereits mehrfach ihre Bereitschaft dazu.

Christa Hofmann-Bremer: Auch bei uns haben die Mitarbeitenden riesige Angst davor, zum Auslöser eines Infektionsausbruchs im Haus zu werden. Ihre Bereitschaft zum Einhalten der Schutzmaßnahmen ist daher groß, und unser Personal schränkt derzeit sogar die eigenen privaten Kontakte sehr ein.

Was sind Ihre Wünsche für die nächste Zeit?

Christa Hofmann-Bremer: Ich wünsche mir schnellere und unbürokratischere finanzielle Hilfen von den Behörden für das bei uns aufgestockte Personal. Diese zusätzlichen Mitarbeitenden sind uns eine große Hilfe beim Reinigen und Desinfizieren, beim Lüften oder am Empfang. Es wäre schön, wenn es dafür eine Pauschale pro Bett einer jeweiligen Einrichtung geben würde.

Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen in unserem Haus auch weiterhin ein unbeschwertes Leben in ihren Wohneinheiten führen können. Wenn wir dort wie bisher mit ihnen Aktivitäten und Feste durchführen können, spüren sie die Belastungen der Pandemie weniger.

Susanne Hesel: Die Pandemie wird noch länger andauern, und daher hoffe ich ebenso, dass wir die für die Hygieneaufgaben eingestellten Kräfte ganz unbürokratisch weiterbeschäftigen können.

Auch unsere Bewohnerinnen und Bewohner können in ihren Wohngruppen unbelastet leben, miteinander sprechen und bei vielen Angeboten aktiv sein. Jetzt wünsche ich mir, dass wir die anstehenden Advents- und Weihnachtsfeiern in den Gruppen unbeeinträchtigt begehen können. Denn gerade das Erleben solcher altbekannten Rituale weckt Erinnerungen und bietet vor allem den Menschen mit Demenz einen Halt und eine Orientierung.

Das Interview führte Sabine Eisenhauer